Ein kleiner Einblick...

Auszug aus dem Roman "Wolf kann Cabrio".

 

 

Warum schwer, wenn es einfach geht

Es war einmal…. Mit diesen Worten fängt fast jedes Märchen an.

Da es sich hier um eine Märchen-Fabel-Sagen-Geschichte handelt, ist alles anders als das bisher Gelesene.

„Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Wolf! Einfach Wolf, zwei Vornamen, wie Böser Wolf, habe ich nicht. Die meisten Menschen verwechseln mich ständig." Wolf klang bei diesen Worten sehr traurig, denn wie oft hatte er schon die Missachtung der Menschen ihm gegenüber erfahren müssen.

Er begegnete ihnen stets freundlich und sie flüchteten in Panik, als wollte er sie auffressen. „Warum sind die so komisch?", dachte er. „Ich rufe ihnen noch nach, dass ich ihnen nichts Böses will, aber die scheinen mich nicht zu verstehen." Einmal hatte er einen Mann angesprochen, der kaum von den Bäumen zu unterscheiden war, da er komplett in Grün gekleidet war: „Hallo, können Sie mir vielleicht sagen, warum die Menschen so böse zu mir sind?"

Statt einer Antwort schrie dieser Mann: „Hiiiilfe!" Mit einem Griff nahm er einen länglichen Gegenstand, den er geschulterte hatte, und richtete diesen gegen Wolf. „Hey, was ist los? Was haben Sie denn da Schönes in der Hand?"

Wolf konnte nicht ahnen, dass es sich um ein Gewehr handelte. Der Jäger gab einen Schuss in seine Richtung ab, nur gut, dass die Kugel ihr Ziel verfehlte.

Jetzt hatte er es verstanden und war entsetzt.

Er nahm sich vor, die Menschen zu meiden. „Schade, die sahen doch eigentlich alle ganz nett aus." Wolf empfand Wut und Trauer über die Situation zugleich.

Die nächste Zeit ging er nicht mehr aus seinem Haus, es sei denn, er musste Besorgungen machen. Wenn er dann Menschen nur hörte, nahm er den größten Umweg in Kauf, nur um ihnen nicht zu begegnen.

„Was kommen die denn überhaupt zu mir, wenn sie doch nichts von mir wissen wollen?", grübelte er oft.

Die Zeit verging. Wolf genoss sein Leben in seinem schönen Haus. Es stand in herrlicher Natur, mit einem tollen Ausblick über die weiten grünen Wiesen der Eifel. Ein Garten mit hübsch angelegten Beeten rundete das Gesamtbild ab.

Innen hatte er alles sehr gemütlich eingerichtet, im mediterranen Stil.

Ein offener Kamin strahlte in den Wintermonaten jene Behaglichkeit aus, die Wärme und Wohlbefinden verursacht. Ja, eigentlich fehlte es Wolf an nichts.

Er war eigentlich ein glückliches Lebewesen, aber er vermisste sehr oft ein wenig Unterhaltung. Schon waren die Überlegungen, warum die Menschen so sind, wie sie sind, gegenwärtig.

Ein Vogel, ganz in seiner Nähe, auf einem Eichenbaum sitzend, trällerte ihm ein Lied. Aber das mochte ihn auch nicht aufmuntern.

Traurig rief er dem Vogel zu: „Wie schön du singst. Schade, dass du nicht reden kannst!" Der Vogel zwitscherte fröhlich weiter.

„So kann das nicht weitergehen. Eine Lösung muss her." Wolf setzte sich in seinen Schaukelstuhl, dessen Farbe schon ein wenig abblätterte.

Er zündete sich eine Zigarre an, die eine süßliche Nebelwolke um ihn erzeugte.

Wäre es eine Pfeife gewesen, hätte man glauben können, es sei Sherlock Holmes, der dort saß. Der gewiefte Gesichtsausdruck von Wolf unterstrich dieses, denn eine Idee erfasste ihn und nahm von seinem ganzen Tun Besitz ein.

Er musste die Sprache der Menschen lernen, denn so viel hatte er verstanden, sie konnten seine Sprache nicht verstehen.

Am nächsten Morgen stand er mit den ersten Sonnenstrahlen auf, frühstückte auf seiner Terrasse und überlegte sich noch einmal sein Vorhaben.

Charly, sein Feldhase, erschien und wollte eigentlich ein paar Streicheleinheiten abholen. „Nein, Charly, heute nicht. Ich bin in Eile, ich fahre heute in die Stadt, nach Bonn." Er scheuchte den Hasen fort. Dieser verstand die Welt nicht mehr, denn so aufgeregt hatte er Wolf noch nie erlebt.

Er räumte eilig Teller und Tasse in die Spülmaschine, duschte und putze seine Zähne, bevor er seine Umhängetasche mit den wichtigsten Dingen packte.

„So, fertig!", sagte er zu sich selber und fuhr los. Die Fahrten in seinem Auto genoss er sehr, denn sein Auto war nicht irgendein Auto. Nein, sein Auto war ein wahrgewordener Traum, ein „Morgan Plus 8".

Er hatte diesen Traum schon seit seiner Kindheit geträumt. Aber letztes Jahr war er für ihn Wirklichkeit geworden. Ein entfernter Onkel hatte Wolf in seinem Testament berücksichtigt und so bekam er „das Kätzchen", wie er das Cabrio liebevoll getauft hatte.

Wolf fuhr mit seinem „Kätzchen" zunächst in Richtung Rheinbach. Er fuhr offen und wollte deshalb lieber über Land nach Bonn fahren. Er war glücklich, wenn ihm der Wind durch sein Fell streichelte.

Nach einer guten Stunde erreichte er den Stadtrand und fuhr dann zum Parkhaus in der Nähe der Beethovenhalle. In diesem Konzerthaus hatte er schon viele schöne Auftritte von Chören aus aller Welt gesehen. Auch einige Konzerte, instrumentaler Art, hatte er in schöner Erinnerung.

„Na, da habe ich aber schnell einen Parkplatz gefunden." Er parkte seinen Wagen sehr fürsorglich, denn niemand sollte Kätzchen auch nur einen Kratzer zufügen.

In der City angekommen, suchte er den nächsten Buchladen auf.

„Kann ich Ihnen helfen?", kam eine nette Verkäuferin auf ihn zu.

Sie war freundlich zu Wolf, denn er sah mit seinem schicken, weißen Anzug, seinem fröhlich aussehenden Sommerhut und seiner Sonnenbrille sehr elegant aus. Nichts erinnerte an den Wolf, der es liebte, zuhause gemütliche Freizeitkleidung zu tragen. Da er befürchtete, dass sie ihn aber nicht verstehen würde, gab er ihr keine Antwort, sondern ging zu dem Regal mit Schulbüchern

und stöberte herum.

Im Moment war es ihm egal, was die Frau von ihm dachte. Sollte sie sich über seine Unfreundlichkeit doch wundern! Schließlich hatte er sich auch oft genug über andere gewundert. Sein Ziel war ihm dafür wichtig genug.

Er musste feststellen, dass er einiges an Lektüren kaufen musste. Denn er fand kein Buch, worin alles einfach zusammengefasst war.

„Mann, das sind aber dicke Wälzer", dachte er.

Da ihm aber keine bessere Lösung einfiel, nahm er sechs dieser Bücher, bezahlte sie und ging, immer noch den Menschen gegenüber schweigend, zum Auto und fuhr nach Hause. Gerne hätte er noch einen Cappuccino in einem nett aussehenden Straßencafé getrunken, aber da waren ja noch diese Verständigungsprobleme.

Die nächsten Monate büffelte er die deutsche Sprache wie besessen.

„Wenn doch alles einfacher und leicht verständlich erklärt wäre." Er verzweifelte oft. Zwischendurch machte er Pausen und ging ein wenig spazieren. Als er wieder einmal einen Spaziergang machte, sah er einen Bussard, der sich aus über hundert Meter Höhe auf sein Opfer stürzte.

Wahrscheinlich war es eine Maus, die er mit einem gezielten Griff seiner Krallen in die Lüfte mit sich forttrug.

„Oh, wie zielsicher der vorgeht!" Wolf war begeistert. Dann kam ihm der Gedanke wie ein Blitz in den Kopf!

Er hatte nun schon sehr viel gelernt. Er hatte sich heimlich in Vorlesungen an der Universität in Bonn geschlichen, hatte vor den Fenstern an Schulen dem Deutschunterricht gelauscht, so dass er wusste, er konnte diesen Gedanken, seine Idee, in die Tat umsetzen. Wolf setzte sich an seinen Schreibtisch und schrieb selber ein Sachbuch über Grammatik und Zeichensetzung.

Er fasste nur die wichtigsten Themen zusammen und beschrieb sie sehr einfach und anschaulich. Er bildete viele Tafelbilder ab, da es vielleicht mehr Leute geben würden, die visuell besser lernen und verstehen können würden.

Es gelang ihm, die Zeichensetzung in vierzehn einfachen Regeln zusammenzufassen, statt diese auf über sechzig Seiten nachzulesen.

Er war sehr stolz auf sein Werk und nannte es „Grammatik & Zeichensetzung – leicht erklärt".

„Jetzt hat jeder es viel leichter, die deutsche Sprache zu erlernen!", jubelte Wolf und freute sich auf seine nächste Begegnung mit den Menschen.

Einige Tage später war es dann soweit: „Hallo, genießen Sie auch die herrliche Aussicht?" Wolf traute sich, eine junge Frau anzusprechen, die auch gerade zur Bank kam, von der man einen wunderbaren Blick über die Talsperre hatte.

Und siehe da, sie schrie nicht nach Hilfe, sie sah keineswegs ängstlich aus.

„Ja, ist es nicht toll hier?", entgegnete sie ihm stattdessen.

Wolf war stolz und glücklich. Er war nun endlich in der Lage, jedem klarzumachen, dass er nicht der Böse Wolf ist. Nein, er hieß Wolf, einfach und kurz Wolf. „Nein, ich heiße nicht nur Wolf. Fortan heiße ich Lernwolf!" Er lachte und sein Lachen sah sehr italienisch aus.

Am Abend, es dämmerte schon, kehrte er müde, aber zufrieden von seinem Ausflug zurück nach Hause. „Ich werde noch mehr solch einfacher Bücher schreiben!" Er war von der Idee fasziniert und wusste, er würde sie schon bald in die Tat umsetzen. Aber vorher sollte er noch einige Abenteuer mit den Menschen und ihrer Sprache erleben.

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© Manuela Regh